Manuela Roppert

freiberufliche Journalistin in München

 
       
 
 
     
 

BR, Reportage am Sonntag, 13.10.02, zusammen mit Bernhard Schäfer

Gegen Hakenkreuze und Springerstiefel - Wege aus der rechten Szene

Das Rote Kreuz in Jena versucht mit einem so genannten Wayout-Programm, Jugendlichen den Weg aus der rechten Szene aufzuzeigen. Am Anfang steht ein Experiment: Stefan Jende stellt provokativ die These in den Raum, dass von bestimmten Körpereigenschaften auf das kriminelle Verhalten von Menschen geschlossen werden kann und bedient sich dabei der Argumente von Rechtsextremen. An dem Experiment nehmen außer rechtsradikalen Straftätern und Statisten eingeweihte Personen teil, die die Thesen des Seminarleiters unterstützen. Christian, der bei einer schweren Körperverletzung beteiligt war, gehört nach den Kategorien von Stefan Jende, wegen seines schmalen Körperbaus zur diskriminierten Gruppe der so genannten Leptosomen. Christian erinnert sich: "Ich war sehr erschrocken, als ich feststellte, dass ich in der diskriminierten Gruppe bin und jetzt von allem, z.B. vom Schulbesuch ausgeschlossen werden soll. Früher dachte ich, dass Juden nicht nach Deutschland passen, ich mochte sie nicht. Doch jetzt denke ich anders."

Auch ein Besuch der KZ-Gedenkstätte Buchenwald gehört zum Wayout-Programm. Die Teilnehmer verlassen die Pfade der herkömmlichen Führung und nähern sich in einem einstündigen Fußmarsch dem Lager, der erste Blick fällt auf den Schornstein des Krematoriums. Der Besuch im Krematorium von Buchenwald war für Christian der Anstoß, der rechten Szene den Rücken zu kehren: "Als ich im Krematorium stand und in die Öfen schauen musste, ist es mir kalt den Rücken hinuntergelaufen und ich kann nicht verstehen, warum sie früher so grausam waren." Das Way-out-Programm hat Erfolg. Etwa die Hälfte der Teilnehmer verlässt danach die rechte Szene und wird von der Aussteigerorganisation Exit weiter betreut.

"Hamlet" einmal anders: Der skandalträchtige Regisseur Christoph Schlingensief rekrutiert für einige Rollen aussteigewillige Neonazis wie den ehemaligen Pressesprecher der Jungen Nationaldemokraten Jan Zobel und den Skinheadrockproduzenten Torsten Lemmer. Die einzige Bedingung: Nein zu Ausländerfeindlichkeit und Antisemitismus, der Rest soll sich während der Proben ergeben. Torsten Lemmer spielt seinen Ausstieg zunächst nur vor, doch dann entwickelt das Projekt eine Eigendynamik: " Dann haben wir eben ausländische und jüdische Schauspieler kennen gelernt und haben bemerkt, dass die linke Kulturschickeria nicht nur auf ihren Subventionen sitzt, sondern dass Schauspielerei eine harte Arbeit ist. Durch den offenherzigen Empfang der Schauspieler, die ja keine geschulten Psychologen sind, haben sich Dinge entwickelt, mit denen ich vorher nicht gerechnet habe. Und jetzt ist der Ausstieg Realität."

Vor kurzem hat Torsten Lemer geheiratet - eine Marokkanerin muslimischen Glaubens. Für den Ex-Nazi wäre das früher unvorstellbar gewesen. Saida Lemmer weiß von der Vergangenheit ihres Mannes. Und auch ihre Freunde akzeptieren inzwischen ihren Lebenspartner: " Ich habe gesagt, da du beim Ausstieg bist, ist es für mich o.k. Er ist zu meinen ausländischen Freunden sehr nett und es gab noch nie eine Situation, in der ich gesagt oder gedacht habe, da kommt deine Nazi-Vergangenheit wieder durch. "

Auch Mattias Adrian ist ein ehemaliger Neonazi. In seiner Familie galt das "Dritte Reich" als gute alte Zeit. Als Jugendlicher hat er offen Antisemitismus propagiert. Inzwischen arbeitet er gegen die "Alten Kameraden" und engagiert sich bei der Aussteigerorganisation Exit. Früher war Matthias Adrian ein Rattenfänger für die NPD und auf Schulhöfen unterwegs, um Nachwuchs für die rechte Szene zu rekrutieren. Heute warnt er Jugendliche vor neofaschistischen Parolen. Der Ausstieg änderte alles. Ein neues Lebensumfeld, eine andere Wohnung - das ist Voraussetzung für die Reintegration in die Gesellschaft. Matthias Adrian ist von einer hessischen Kleinstadt nach Berlin gezogen. Hier kann er anonym leben. Die rechtsextreme Szene gibt niemanden frei - das ist ein Kernsatz von Exit. Deshalb ist Prävention so wichtig. Matthias Adrian sagt: "Ich mache das vor allem wegen den Jugendlichen, weil es mir weh tut, wenn ich sehe wie so ein 16jähriger sich mit so einem Scheiß die Zukunft verbaut. Der Weg nach rechts führt in den Knast."

 
 
 
 
 

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letzte Änderung 01.03.2019