Manuela Roppert

freiberufliche Journalistin in München

 
       
 
 
     
 

BR, Nachbarn, 31. August 2003

Russlands Brücke zu Europa. St. Petersburg feiert Geburtstag

"Eine transparente Dunkelheit, die nicht Nacht ist, sondern Abwesenheit des Tages." So beschreibt der französische Schriftsteller Alexandre Dumas die Weißen Nächte von St. Petersburg. In den Sommermonaten werden nachts die Brücken über der Newa geöffnet, damit die Schiffe die Stadt passieren können. Eine Attraktion für die Touristen, die im Jubiläumsjahr besonders zahlreich die frühere Zarenhauptstadt besuchen. Auch die Petersburger genießen immer wieder dieses Schauspiel.

Dagmar Lorenz aus Sachsen-Anhalt ist seit 13 Jahren in Sankt Petersburg und Inhaberin einer mittlerweile etablierten Anwaltskanzlei. Die Entscheidung, nach Petersburg zu gehen, hat Dagmar Lorenz bislang nur einmal wirklich bereut, als sie in der Bankenkrise 1998 ihr gesamtes Kapital verlor: "Da war ich so an diesem Punkt, wo ich gedacht habe, was soll das Ganze hier eigentlich. Was habe ich in diesem blöden Land verloren. Ich fühlte mich verraten, weil ich mich an die rechtlichen Rahmenbedingungen gehalten habe und nicht wie das hier so üblich ist, mein Geld daheim aufbewahrt oder am Finanzamt vorbei geschleust. Und dafür habe ich einen Schaden erlitten. Das war wie eine Ohrfeige ins Gesicht. Da war ich schon sehr am Boden." Damals überlegte sie nach Deutschland zurückzugehen. Wegen ihrer Mitarbeiter, die sonst auf der Straße gestanden hätten, blieb sie. Heute ist sie froh darüber. Die Spaziergänge durch Petersburg entschädigen sie für den Alltagsfrust, der in Russland leider immer noch dazugehört. Besonders genießt sie es, an den Kanälen der Stadt entlang zu schlendern. Dagmar Lorenz könnte sich nicht vorstellen, in einer anderen russischen Stadt zu leben. "Petersburg ist keine typisch russische Stadt. Wegen der Architektur, aber auch wegen der Offenheit der Menschen hier."

Der Katharinenpalast wurde im Zweiten Weltkrieg von deutschen Soldaten stark zerstört, das inzwischen legendäre Bernsteinzimmer nach Königsberg verschleppt. Seitdem ist es unauffindbar. In regelmäßigen Abständen werden neue Theorien entwickelt, wo die kostbare Innenausstattung sein könnte. Aber bisher blieben alle Anstrengungen, es wieder zu finden, erfolglos. Das Bernsteinzimmer war ursprünglich ein Geschenk des preußischen Königs Friedrich Wilhelm des Ersten an Peter den Großen. Seit 1979 haben Spezialisten eine Kopie des Kunstwerkes erstellt. Ständig musste die Arbeit wegen Geldmangels unterbrochen werden. Schließlich zeigte sich die im Russlandgeschäft engagierte Essener Ruhrgas AG spendabel und unterstützte die Rekonstruktion mit 3,5 Millionen Dollar. 40 Juweliere arbeiteten an diesem Kunstwerk. Jedes Detail musste millimetergenau passen. Als Vorlage dienten alte Fotos und Zeichnungen. Pünktlich zum 300. Stadtgeburtstag wurde die Kopie des 8. Weltwunders vollendet. Die mühevolle Arbeit der russischen Restauratoren kann jetzt bewundert werden.

Als Peter der Große die Stadt plante, nahm er sich Amsterdam zum Vorbild. Wegen der 68 Kanäle, über die sich mehr als 500 Brücken spannen, wird Petersburg auch das Venedig des Nordens genannt. Bauten im Stile des Barock und des Klassizismus prägen das Erscheinungsbild. Im Zentrum findet sich kein einziges modernes Gebäude. Die Besucher könnten das Gefühl bekommen, sich in einem riesigen Freilichtmuseum zu befinden - wären da nicht die freundlichen und weltoffenen Bürger der Stadt, die sich wohltuend von der hektischen Blasiertheit der Moskauer abheben. Vor dem Jubiläum war die Moskauer Hektik auch in Petersburg zu spüren. Zum 300. Geburtstag sollte der Stadt ein neues Make-up verpasst werden. Die meisten Häuser waren seit 80 Jahren nicht mehr renoviert worden. Die roten Zaren im Moskauer Kreml wollten für die Erhaltung der Häuser aus der zaristischen Vergangenheit kein Geld ausgeben. Und so gab es eine Menge zu tun. Bis kurz vor den offiziellen Feiern waren viele Bauwerke von Gerüsten umrahmt. Über eine Milliarde Euro spendierte Präsident Putin aus der Staatskasse, damit die Fassaden seiner Heimatstadt wieder pastellfarben schimmern. Wo das nicht rechtzeitig gelang, behalf man sich mit Plakaten - Potjomkin auf moderne Art.

Die dunkle Seite der Stadt, die Mafia, hat sich inzwischen etabliert. Die Unternehmen zahlen nicht mehr an sie direkt, sondern an so genannte Sicherheitsunternehmen, die zum Teil aus der Mafia hervorgegangen sind. Die Miliz hat die Straßenkriminalität jetzt weitgehend unter Kontrolle und so können sich Touristen wie Einheimische auch nachts frei in der Stadt bewegen. Und das tun sie vor allem in den langen Sommernächten in großer Zahl. Das Jubiläumsjahr verhalf Petersburg zu einem neuen Selbstbewusstsein. Stand es doch lange Zeit im Schatten von Moskau. Nach der Perestroika strömten immer mehr Menschen in die aufstrebende Hauptstadt und Petersburg erlebte einen wahren Exodus. Geschäftsleute, Künstler und alle, die es sich leisten konnte, zogen an die Moskwa. Dieser Trend ist nun gestoppt. Russlands Aufschwung ist jetzt auch in der ehemaligen Hauptstadt sichtbar.

 

 
     
 
 

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letzte Änderung 01.03.2019