Manuela Roppert

freiberufliche Journalistin in München

 
       
 
 
     
 

BR, Nachbarn, 26.01.03

Schnee auf vernarbten Wunden - Winter im ehemaligen Jugoslawien

In Sarajewo, der Hauptstadt Bosnien-Herzegowinas, sind die Kriegswunden noch unübersehbar, auch mehr als 7 Jahre nach dem Frieden von Dayton. Der Wiederaufbau läuft schleppend voran. Trotzdem, oder vielleicht gerade deswegen, hat sich die Olympiastadt von 1984 als Austragungsort für die Winterspiele 2010 beworben. Mehr als eine Milliarde Euro müsste Bosnien-Herzegowina in die Spiele investieren. Unvorstellbar, dass das zerstörte Land diese Summe aufbringen kann. Die Bewerbung hat vor allem symbolischen Charakter. Es gibt auch Lichtblicke: Vor kurzem haben sich die Sportvereine im ganzen Land wiedervereinigt, d.h. die Sportvereine aus dem fast ausschließlich von Serben bewohnten Pale und der überwiegend muslimischen Stadt Sarajewo arbeiten zusammen. Kann der Sport in Bosnien-Herzegowina eine Vorbildfunktion übernehmen, die auch auf andere gesellschaftliche Bereiche ausstrahlt? Hat das in die bosnjakisch-kroatische Föderation und in die Republika Srbska geteilte Land eine Chance, wieder zusammenzuwachsen?

Das Olympiapressezentrum Dobrinja in Sarajewo war während des Krieges stark umkämpft. Zehntausende von Granaten sind hier eingeschlagen, die Spuren immer noch sichtbar. Heute ist Dobrinja geteilt in einen moslemisch-kroatischen und einen serbischen Teil. Der Laden von Milena Stojanovic steht direkt auf der Grenze. Sie selbst wohnt auf der serbischen Seite, die blaue Straßenschilder trägt, auf der anderen Seite sind die Schilder grün.

Vor dem Krieg wohnte Milena im jetzt moslemisch-kroatischen Teil. Sie hat die Wohnung getauscht, um näher bei ihrem Laden zu wohnen, sagt sie. Nur in Ausnahmefällen leben Moslems bei den Serben und umgekehrt. Offene Ressentiments gibt es nicht mehr, doch die Stimmung bleibt reserviert. Milena hat auch moslemische Kunden. Jasna Musowic kauft regelmäßig bei ihr ein. Von dem Laden, der monatlich umgerechnet rund 250 Euro einbringt, muss Milena ihre 6-köpfige Familie ernähren. Alle außer ihr sind arbeitslos:

"Ich halte nichts von dieser Grenze. Die Politiker sollten sich lieber darum kümmern, dass wir endlich regelmäßig unsere Renten und Löhne ausbezahlt bekommen. Solange die Menschen arbeitslos sind und kein Geld haben, ist die Lage gespannt. Vor allem junge Menschen sind arbeitslos, auch mein Sohn. Ich glaube, es könnte wieder so sein wie vor dem Krieg, wenn nur die wirtschaftliche Lage besser wäre. Mein Sohn wusste z. B. vor dem Krieg nicht, welcher Nationalität er angehört. Ich habe ihn einfach nicht so erzogen. Und jetzt habe ich immer noch viele moslemische Freunde und Kunden."

1992 vertrieben die Serben Jasna Musowic und ihre Familie von hier. Wie den anderen Moslems wurde ihnen ein Ultimatum gestellt. Verlasst innerhalb von 48 Stunden eure Wohnung, sonst wird sie in die Luft gesprengt. Familie Musowic kam bei Jasnas Mutter im Zentrum von Sarajewo unter. Ein bosnisches Gesetz aus dem Jahr 2000 besagt, dass alle Wohnungen an die Vorkriegsnutzer zurückgegeben werden müssen. Vor einem halben Jahr ist Familie Musowic zurückgekehrt, mit gemischten Gefühlen: "Wenn ich mir Gedanken darüber gemacht hätte, ob ich Angst habe, zurückzukehren, wäre ich wahrscheinlich nie zurückgekommen, aber ich ging in meine alte Wohnung. Es ist jetzt nicht die Zeit, lange nachzudenken. Man muss weiterleben und nach vorne sehen. Ich bin nicht die einzige hier, die so denkt. Es gibt Tausende solcher Fälle wie mich. Ich bin einfach in meine alte Wohnung zurückgekehrt."

"Aber Ihnen gegenüber ist die andere Seite" . "Das ist nicht die andere Seite, das sind auch Menschen."

Sarajewo verkörperte Jahrhunderte lang die Verbindung zwischen westlicher und östlicher Kultur. Türkische Eroberer gründeten im 14. Jahrhundert die Altstadt von Sarajewo. Ende des 19. Jahrhunderts wurde Bosnien-Herzegowina Teil des Habsburger Reichs und Sarajewo gelangte somit in die westliche Einflusssphäre. Toleranz und das Miteinander verschiedener Religionen bestimmten über lange Zeit hinweg das Leben in der Stadt. Sarajewo zog seinen besonderen Reiz aus der Begegnung unterschiedlicher Kulturen, bis serbische Granaten und Artillerie nicht nur die Altstadt in Schutt und Asche legten.

Dem Bazar sind die Kriegsschäden nicht mehr anzusehen. Tausende von Handwerksbetrieben und Souvenirläden haben ihre Pforten wieder geöffnet. Doch das multikulturelle Leben ist nach Sarajewo noch nicht ganz zurückgekehrt.

 
 
 
 
 

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letzte Änderung 01.03.2019