Manuela Roppert

freiberufliche Journalistin in München

 
       
 
 
     
 

BR, Kompass, 04.04.04

Russland: Wahlversprechen in St. Petersburg

Die Bauwirtschaft in St. Petersburg boomt. Nach Moskau haben die reichen Russen jetzt auch die alte Zarenhauptstadt entdeckt. Überall schießen moderne Wohn- und Geschäftsbauten aus dem Boden. Doch die Baufläche in der 5-Millionen-Stadt ist knapp. Und so sollen alte Wohnhäuser in guter Lage den neuen Luxusherbergen weichen. Professor Andrej Chudjakow wehrt sich gegen die Forderung eines Investors, seine Wohnung freizumachen. Der greift schon mal zu rüden Methoden, um die alten Bewohner loszuwerden: stellt Gas oder Wasser ab, berichten die Nachbarn von Andrej Chudjakow. Bei ihm haben sie das noch nicht versucht. Er würde sich das auch auf keinen Fall bieten lassen und notfalls einen Anwalt einschalten. Zivilcourage hält der Psychologieprofessor im neuen Russland für unentbehrlich. Das versucht er auch seinen Studenten zu vermitteln. Auf sein Recht, an der nächsten Präsidentschaftswahl teilzunehmen will Andrej Chudjakow allerdings verzichten. Amtsinhaber Putin werden über 70 Prozent der Stimmen vorausgesagt. Seine Konkurrenten sehen Meinungsforscher bei jeweils 2 Prozent. "Wenn das eine richtige Wahl wäre, würde ich Putin wählen. Das würde aber voraussetzen, dass es eine ernsthafte Alternative gäbe. Aber es ist doch schon alles vorab entschieden, zu Gunsten von Putin. Warum soll ich da überhaupt hingehen." Mit dieser Meinung steht Andrej Chudjakow nicht alleine, über 10 Prozent der Wahlberichtigten wollen nicht teilnehmen oder gegen alle Kandidaten stimmen.

Pawel Topornin studiert Informatik und Sprachen. Um die Studiengebühren von umgerechnet 50 Euro monatlich zu finanzieren, jobbt er als Kurierfahrer. Mit seinem Vater und seiner Großmutter bewohnt er eine Zwei-Zimmer-Wohnung im Nordosten der Stadt. Petersburg steht kurz vor dem Verkehrskollaps. Über die vielen Brücken der Stadt quälen sich die Autos im Schritttempo, und das nicht nur zu den Stoßzeiten. Pawel verbringt einen Großteil seiner Arbeitszeit im Dauerstau. Das nervt ihn. Sonst blickt er optimistisch in die Zukunft. Seine Berufsaussichten sind gut. Das hat er seiner Ansicht nach auch Putin zu verdanken: "Ich werde für Putin stimmen. Er hat in den letzten Jahren viel Positives für Russland getan, er hat die Wirtschaft angekurbelt und die Beziehungen zu anderen Ländern verbessert. Außerdem ist er Sportler und spricht viele Fremdsprachen, auch deutsch." Die Ringautobahn zur Entlastung St. Petersburgs sollte eigentlich zum Jubiläum 2003 fertig gestellt werden. Doch die dafür vorgesehenen Gelder sind in dunklen Kanälen versickert. Nur Teilabschnitte können bislang befahren werden. Die Bürger der Stadt machen dafür aber nicht Putin verantwortlich, sondern ihren früheren Bürgermeister Jakowlew.

Vera Panowa, die Großmutter von Pawel, ist auf dem Weg ins Zentrum. Diese beschwerliche Reise tritt sie nur noch in Ausnahmefällen an. Seit 9 Jahren ist die U-Bahn-Linie, an der sie wohnt, unterbrochen. Grundwasser trat in den Tunnel ein. Seitdem muss die betroffene Teilstrecke mit dem Bus zurückgelegt werden. Früher brauchte Vera Panowa 20 Minuten, um zu ihrer Freundin ins Zentrum zu kommen, jetzt muss sie dafür mindestens eineinhalb Stunden einplanen. Spätestens zum Jubiläum sollte der neue Tunnel fertig sein, doch auch das waren nur leere Versprechungen. Jetzt hofft Vera, dass die neue Bürgermeisterin und Putin-Vertraute Matwijenka für Ordnung sorgt. Von Putin selbst hält sie viel. Befürchtungen, er könnte sich zu einem Autokraten entwickeln, teilt sie nicht: " Putin ist wirklich ein Demokrat, aber er weiß seine Macht einzusetzen. Russland braucht einen starken Präsidenten, sonst ändert sich hier nichts."

Seit dem Amtsantritt Putins sind Renten und Gehälter leicht gestiegen und werden regelmäßig ausbezahlt. Das Leben ist trotz zahlreicher Alltagsprobleme überschaubarer und stabiler geworden. Viele Russen halten das ihrem jetzigen und wohl auch künftigen Präsidenten zu Gute. Bleibt zu hoffen, dass er ihre Erwartungen zumindest in dieser Hinsicht auch künftig nicht enttäuscht.

 
 
 
 
 

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letzte Änderung 01.03.2019