Manuela Roppert

freiberufliche Journalistin in München

 
       
 
 
     
 

BR, Nachbarn, 20.03.05

Raus aus dem Abseits? Rumänien zwischen Euphorie und Resignation

Rumänien hat gute Aussichten, gemeinsam mit Bulgarien, 2007 EU-Mitglied zu werden. Bis dahin muss das Land im Südosten Europas aber noch einige Hausaufgaben erledigen, vor allem in den Bereichen Justiz und Gesundheit.

30 Prozent der Bevölkerung leben unterhalb der Armutsgrenze, die Korruption wuchert überall und die Lebensbedingungen der Sinti und Roma sind nach wie vor erbärmlich. Doch die Wirtschaft Rumäniens wächst inzwischen jährlich um 7,5 Prozent. Das Land ist mit 22 Millionen Einwohnern der größte Markt Südosteuropas.

Aufbruchstimmung ist vor allem in Hermannstadt zu spüren, der ehemaligen Metropole der Siebenbürger Sachsen. Dort wurde vor kurzem mit 90 Prozent der Stimmen der deutschstämmige Bürgermeister Klaus Johannis im Amt bestätigt, obwohl nur noch 4 Prozent der Bewohner deutscher Abstammung sind. Vor einigen Jahren war Hermannstadt noch eine verfallene, dunkle Stadt - jetzt werden die Gebäude der mittelalterlichen Altstadt renoviert, Investoren geben sich die Klinke des Bürgermeisterbüros in die Hand, es herrscht nahezu Vollbeschäftigung.

Die deutsche Firma Heberger ist mit dem Bau eines 18.000 Quadratmeter großen Business-Centers im Norden von Bukarest betraut. Das Unternehmen aus Rheinland-Pfalz macht inzwischen die Hälfte seines Umsatzes in Osteuropa. Die Büros sind - 4 Monate vor Fertigstellung - fast alle schon vermietet, obwohl der Quadratmeter hier immerhin 18 Euro monatlich kostet. Bauleiter Ulli Schuhmacher ist nun fast ein Jahr in Bukarest. Für den 31jährigen Bauingenieur bedeutet dieses Projekt einen gewaltigen Karrieresprung. Zusammen mit einem Kollegen ist er für 400 Arbeiter zuständig. Die Zusammenarbeit mit den rumänischen Vorarbeitern klappt gut, die Verständigung auf Englisch ist kein Problem. "Die Mentalität der Leute hier ist ein bisschen anders. Vielleicht noch aus kommunistischen Zeiten. Sie arbeiten nur, was man ihnen sagt. Sie sind aber willig, dass sie sich verbessern. Die Aufbruchstimmung auf dem Bau ist richtig zu spüren. Es ist ein Problem, dass es zu wenige Projekte gibt und nicht jeder karriereorientierte Ingenieur eine entsprechende Aufgabe findet. In Deutschland hätte ich diese Chance meines Erachtens nicht gehabt."

Cluj - das ehemalige Klausenburg - ist die größte Stadt Siebenbürgens. Bis zum 1.Weltkrieg gehörte sie zum Habsburger Reich. Noch heute lebt eine beachtliche ungarische Minderheit in der Universitätsstadt. Seit dem Sturz Ceausescus gewährt der rumänische Staat den Minderheiten zwar einen größeren Spielraum - vom konfliktfreien Zusammenleben ist man aber noch weit entfernt. Cluj ist eines der wichtigsten kulturellen und wissenschaftlichen Zentren des Landes. Die neurologische Abteilung des Krankenhauses genießt landesweit einen guten Ruf - obwohl die Probleme des maroden rumänischen Gesundheitssystems auch hier sichtbar sind. Es fehlt vor allem an der Ausstattung und am Geld. Die Wartezeit für eine Operation beträgt 2 bis 3 Wochen. Wie überall im Land kann man sie auch hier durch eine "Spende" verkürzen.

Chefarzt Dr. Florian führt pro Jahr drei Mal so viele Operationen durch wie seine westlichen Kollegen. Seine Erfolge sind international anerkannt. Trotzdem muss er sich mit einem Gehalt von 1000 Euro monatlich zufrieden geben. Seit einigen Jahren existiert in Rumänien ein gesetzliches Krankenversicherungssystem nach deutschem Vorbild. Auch hier hat man sich zu einer Reform entschlossen: Statt Tagessätze werden jetzt Fallpauschalen abgerechnet. Die aber sind, so Dr. Stefan Florian, viel zu niedrig. Die Zimmer in seiner Abteilung sind überbelegt, Kinder schlafen mit Erwachsenen in einem Raum. "Ich habe jetzt 23 Jahre Berufserfahrung und war auch bei zahlreichen Kongressen im Ausland, in Deutschland, Japan, Spanien und den USA. Die Eingriffe, die wir vornehmen, sind durchaus vergleichbar. Wenn ich zum Beispiel einen Tumor im Kleinhirn eines 6jährigen Kindes operiere, dann ist das ein schwieriger Fall, der im Ausland entsprechend bezahlt wird. Bei uns wird kein Unterschied gemacht zwischen leichten und schweren Fällen. Hier bekomme das Krankenhaus dafür 250 Euro, die realen Kosten betragen aber mindestens 1000 Euro. Im Westen würden so ein Fall mehrere Tausend Euro kosten. Die ärztliche Kunst zahlt sich bei uns nicht aus."

 
 
 
 
 

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letzte Änderung 01.03.2019