Manuela Roppert

freiberufliche Journalistin in München

 
       
 
 
     
 

BR, Reportage am Sonntag, 01.06.03

WH bei 3sat, Phoenix

Nicht Russen und nicht Deutsche - Integrationsprobleme junger Aussiedler

Nur einen Koffer und ein paar Taschen hatte Familie Engelmann dabei, als sie Sibirien verließ, um in Deutschland eine neue Heimat zu finden. Mit im Gepäck waren hohe Erwartungen, die fast zwangläufig enttäuscht werden mussten. "Wir sind wegen unserer Kinder hier. Sie haben in Russland keine Zukunft", so beschreiben viele Russlanddeutsche ihre Motivation für die Ausreise. Schwierigkeiten, sich hier einzuleben, haben vor allem die Jugendlichen. Die Eltern trafen die Entscheidung, in Deutschland ein besseres Leben zu suchen. Die jungen Aussiedler mussten ihre Freunde in Russland oder Kasachstan zurücklassen, die Schule oder die Ausbildung abbrechen. Waren sie dort die verhassten "Deutschen", werden sie hier als "Russen" wahrgenommen, nicht zuletzt wegen der kaum vorhandenen Deutschkenntnisse. Eine gewaltbereite Minderheit bei den russlanddeutschen Jugendlichen prägt das Bild in der Öffentlichkeit. Die Polizei in Nürnberg-Langwasser, dem "Russen-Viertel" Nürnbergs, greift häufig stark alkoholisierte Minderjährige auf. Die heranwachsenden Russlanddeutschen empfinden dagegen die ständige Kontrolle als Schikane: Andrej erzählt: "Also, wir waren mal mit meinen Freunden bei Langwasser-Mitte, haben auf denn Bus gewartet, dann kam ein Sixpack, so ein Polizeibus kam auf uns zu und wir wurden vor ganz Langwasser-Mitte bis auf die Unterhose kontrolliert. Wir mussten unsere Hosen ausziehen und alles, obwohl wir gar nichts gemacht haben, wir haben nur auf unseren Bus gewartet ."

Ihre Freizeit verbrachten sie in Russland und Kasachstan mit den Freunden auf der Straße oder in Parks. Diese Gewohnheit haben sie in Deutschland beibehalten. Für häufige Discobesuche fehlt das Geld. Die alteingesessenen Anwohner in Langwasser fühlen sich von den jungen Aussiedlern gestört: Kostja berichtet: "Wir sind Jugendliche, wir können nicht um 9 oder 10 nach Hause gehen. Wenn wir nicht in die Disco fahren, wissen wir auch nicht wohin wir gehen sollen. Dann bleiben wir eben hier und wir unterhalten uns und wenn 10 Leute dabei sind, wird es automatisch etwas lauter als sonst. Dann fangen die Anwohner an, sich zu beschweren. Das Problem dabei ist, dass sie nicht runterkommen und sagen, könnt ihr bitte leiser sein, sondern sie rufen gleich die Polizei und dann haben wir Stress mit der Polizei."

Am Plärrer in Nürnberg trifft sich die offene Drogenszene. Kai Osterloh von der Drogenhilfsorganisation Mudra betreut vor allem Süchtige aus dem russischsprachigen Raum. Ihre Zahl ist in den letzten Jahren nicht nur hier in Nürnberg rasant gestiegen. Die Einstiegsdroge der Russlanddeutschen ist meist das Heroin. Es ist schwer, ihr Vertrauen zu gewinnen und sie von einer Therapie zu überzeugen. Kai Osterloh: " Es gibt in der Migrationsforschung so eine Kurve, die die Migration beschreibt. Das baut sich über Jahre auf, dann kommen sehr hohe Erwartungen nach dem Grenzübertritt, es geht ganz steil nach oben, was man hier alles Tolles werden kann. Nach zwei, drei Jahren geht es auf dieser Kurve ganz steil nach unten, weit unter die Nulllinie, weil man plötzlich feststellt, es hat sich fast nichts von dem erfüllt, was man sich erhofft hat.. Und viele von meinen Klienten sind nach zwei, drei Jahren in Deutschland abhängig geworden, genau an diesem Punkt unter der Nulllinie."

Doch in die alte Heimat gibt es oft kein Zurück. Familie Engelmann stammt aus Halberstadt im Südwesten Sibiriens. Fast alle Bewohner hier betreiben nebenbei eine kleine Landwirtschaft. Familie Engelmann bereitet sich gerade auf ihre Ausreise nach Deutschland vor. Der familiäre Zusammenhalt bei den Russlanddeutschen ist sehr eng. Valentina Engelmann hat 6 Brüder und Schwestern. Alle sind schon nach Deutschland ausgereist. Den Engelmanns ist bewusst, dass der Neuanfang nicht leicht sein wird. Ihr Haus haben sie für umgerechnet 2.000 Euro verkauft, die Hälfte davon ging für die Tickets drauf. Valentina Engelmann sagt: "Meine Verwandten haben erzählt, das es am Anfang schwer ist. Aber wenn man wirklich will, kann man schon etwas erreichen. Wenn man in Russland nur auf der faulen Haut liegt, besitzt man auch nichts. Das ist überall so. Ich werde alles dafür tun, um es zu schaffen."

Inzwischen ist Familie Engelmann in Deutschland eingetroffen. Sie wohnen in einer so genannten Notunterkunft bei Paderborn. Von den Verwandten, derentwegen sie nach Deutschland gezogen sind, haben sich die Engelmanns entfremdet. Nur eine Schwester von Valentina kommt gelegentlich zu Besuch. Valentina und Viktor sind arbeitslos. Viktor ist eigentlich LKW-Fahrer, muss aber hier den Führerschein neu machen. Doch bisher fehlt ihm das Geld dazu. Die Euphorie der Engelmanns ist vorbei, das Heimweh bei allen groß.

 
 
 
 
 

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letzte Änderung 01.03.2019