Manuela Roppert

freiberufliche Journalistin in München

 
       
 
 
     
 

BR, Nachbbarn, 08.01.06

Moldawien - Land ohne Eltern

Der einst zur Sowjetunion gehörende Staat zwischen Rumänien und der Ukraine gilt als eines der ärmsten Länder Europas. Mindestens 50.000 Kinder müssen in diesem Land mehr oder weniger alleine zurechtkommen, weil die Eltern meist illegal im Ausland arbeiten, vor allem in Russland und der Ukraine, aber auch in der EU. Schätzungsweise eine Million der 4,4 Millionen Einwohner Moldawiens arbeitet im Ausland. Zurück bleiben Zwölfjährige als Familienoberhaupt, die ihre Geschwister versorgen müssen oder überforderte Großeltern, die plötzlich acht oder mehr Enkel zu hüten haben. Der deutsch-österreichische Sozialverein Concordia hat in Pirita eine "Stadt der Kinder" aufgebaut, die derzeit 105 Kindern ein neues Zuhause bietet.

Seit drei Jahren lebt Denis auf der Straße. Seine Mutter sitzt im Gefängnis, weil sie für ihn und seine Schwester etwas zum Essen stehlen wollte. Wo sein Vater ist, weiß er nicht. Leere Flaschen, achtlos weggeworfen - für Denis sind sie wertvoll. Er bringt Flaschen und Pappkartons zu einer Sammelstelle und bekommt dort einige Lei dafür. Moldawischer Lei so heißt in Anlehnung an die rumänische Währung hier das Geld. Mülltrennung ist in diesem Land nicht erforderlich - das besorgen die Ärmsten der Armen. Denis kümmert sich um den obdachlosen Viktor, der kaum gehen kann. Der 16jährige wurde schon mehrmals von der Polizei aufgegriffen und in verschiedene Kinderheime gebracht. Doch geprägt vom Leben auf der Straße, wollte er sich der Disziplin dort nicht mehr unterordnen und lief weg. Der Markt in Moldawiens Hauptstadt Chisinau ist immer gut besucht. Hier kann man Gemüse und Obst direkt von den Bauern günstiger einkaufen als im Supermarkt. Auch Billigware aus China und der Türkei wird verramscht. 2 Lei 20 für einen Laib Brot - umgerechnet sind das etwa 15 Cent. Dafür geht das Geld für die Pappkartons fast drauf. Manchmal stecken die Händler den Straßenkindern etwas zu. Zu Betteln traut sich Denis nicht. Die Polizei wäre schnell zur Stelle. Dann käme er wieder in ein Heim.

"Die Stadt der Kinder" wurde vor einem Jahr vom deutsch-österreichischen Sozialverein Concordia gegründet. 105 Kinder haben hier inzwischen ein neues Zuhause gefunden. Sie sind fast alle so genannte Sozialwaisen, das heißt, ihre Eltern leben, sind aber im Ausland oder aus anderen Gründen nicht in der Lage, sich um sie zu kümmern. Bei allen anfallenden Arbeiten helfen die Kinder mit. Sie sollen lernen, Verantwortung zu übernehmen, gerade weil sich ihre Eltern ihnen gegenüber häufig als verantwortungslos erwiesen haben. Spielen kommt natürlich nicht zu kurz. Nur wenige der Kinder hier haben vorher lange auf der Straße gelebt. Das macht es leichter für sie, sich hier einzuleben. Erfahrungen gesammelt hat Concordia in Rumänien, wo die Schwäbin Ruth Zenkert zusammen mit einem österreichischen Jesuitenpfarrer verschiedene Projekte für Straßenkinder initiierte. Die "Stadt der Kinder" ist einzigartig in Moldawien, obwohl gerade hier der Bedarf an solchen Einrichtungen sehr groß wäre.

Die Stadt der Kinder befindet sich in Pirita - einem 2.500 Seelendorf an der Grenze zu Transnistrien, jener abtrünnigen Region, die überwiegend von Russen und Ukrainern bewohnt ist. Mais vom Feld, Gemüse und Obst aus dem Garten - die Leute leben von dem, was sie selbst anbauen. Viele Felder liegen brach. Seit dem Zusammenbruch der Kolchosen hat kaum einer mehr Maschinen, um sie zu bestellen. Kinder und alte Menschen bestimmten das Bild in den Dörfern Moldawiens. Selbst das karge Durchschnittseinkommen wird hier auf dem Land nicht verdient. Wer irgendwie kann, geht zum Arbeiten in die Stadt oder am besten gleich ins Ausland.

Unbeschwert mit Freunden herumtoben und spielen, das mussten viele der Kinder erst wieder lernen. Seit fast einem Jahr leben sie nun zusammen, für die meisten vermutlich das fröhlichste Jahr, das sie bisher erlebt haben. Zu Sowjetzeiten befand sich hier ein Pionierlager. Die Inschrift "Sei bereit für die Ziele der Kommunistischen Partei zu kämpfen" erinnert noch heute daran. Über 100 Kinder haben hier inzwischen ein neues Zuhause gefunden, insgesamt sollen es einmal 300 werden. Bei 50.000 verlassenen Kindern in diesem Land ist das nur ein Tropfen auf dem heißen Stein, aber zumindest ein Anfang und vielleicht ein Beispiel für andere Organisationen. Concordia hat die Unterstützung der moldawischen Präsidentengattin. Sie macht so manches möglich, was in dem immer noch stark von seiner kommunistischen Vergangenheit geprägten Land zunächst unmöglich erscheint. Moldawien tut sich, 15 Jahre nach der Unabhängigkeit, immer noch schwer damit, seinen Weg als eigenständiger Staat zu finden.

 
 
 
 
 

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letzte Änderung 01.03.2019