Manuela Roppert

freiberufliche Journalistin in München

 
       
 
 
     
 

BR, Euroblick, 29.08.04

Neues Jüdisches Leben in Krakau

Vor dem 2. Weltkrieg galt Kazimierz als das Jerusalem des Ostens. Doch die Glanzzeiten des Krakauer Viertels sind vorbei, davon zeugen nicht nur die abgeblätterten Fassaden. Die Besetzung Krakaus durch die Nazis hatten nur wenige Juden überlebt. Das Ende des jüdischen Kazimierz schien damals besiegelt. Nach dem Krieg quartierten die Kommunisten in die leer stehenden Häuser Menschen aus sozial schwachen Schichten ein. Kazimierz wurde zum "Ghetto", in das kein anderer Bewohner Krakaus, geschweige denn ein Tourist, einen Fuß zu setzen wagte. Doch seit Mitte der 90er Jahre lässt die Stadtverwaltung das alte jüdische Viertel renovieren. Geldmangel und unklare Eigentumsverhältnisse erschweren zwar die Stadtteilerneuerung. Aber inzwischen hat sich Kazimierz zum neuen In-Viertel Krakaus gemausert. Und auch das jüdische Leben kommt allmählich wieder zurück.

Ausdruck dafür ist das Festival der Jüdischen Kultur, das jedes Jahr im Sommer stattfindet. Workshops für jüdischen Tanz, jiddische Sprache und koscheres Kochen sowie zahlreiche Konzerte, Film- und Theateraufführungen sollen den Nicht-Juden das jüdische Leben näher bringen. Das Interesse wächst ständig - mehr als 20000 Menschen - Polen und Ausländer, Juden und Nicht-Juden - nahmen in diesem Jahr an den Workshops teil und besuchten die Konzerte.

Irek Grins jüdische Großeltern stammen aus Kazimierz, vor den Nazis mussten sie in die Sowjetunion fliehen. Irek lebt seit 1987 hier. Für ihn war es eine Rückkehr zu seinen jüdischen Wurzeln und ein Protest gegen den Verfall des Stadtteils. Irek Grin erzäht: "Heutzutage ist es eine Mode in Polen, Jude zu sein, zumindest bei den jungen Leuten. Das ist eine Art Trotzreaktion. Wenn ein Jude also in einem modernen Unternehmen arbeitet, muss er keine Nachteile befürchten. Es ist eine Art Schuldgefühl bei den Polen zu beobachten und ein Interesse an einer alten Kultur. In konservativen Gegenden auf dem Land verheimlichen die meisten Juden aber immer noch ihre Herkunft. Viele polnischen Juden haben ihre Abstammung erst von den sterbenden Eltern erfahren. Früher wurde es immer verschwiegen, dass man Jude ist, weil es einem schaden konnte."

Echte Perlen im Stadtbild sind die sieben Synagogen von Kazimierz. Die Remuh-Synagoge ist ein Pilgerort für Juden aus aller Welt, da hier Rabbi Moses begraben ist. Die Tempel-Synagoge stammt aus dem 19 Jahrhundert. Von den Nazis schwer beschädigt, wurde sie in den 90er Jahren vom polnischen Staat mit Hilfe von Spenden umfassend renoviert. Heute ist sie wieder eine der schönsten Synagogen der Welt.

Henryk Halkowsky wohnt an der Grenze zwischen Altstadt und Kazimierz. Wenn ihm das Treiben dort zu bunt wird, genießt er die Ruhe des jüdischen Friedhofs und sucht das Grab seiner Eltern auf. Der Vater hat Auschwitz überlebt. Nach dem Holocaust lies dieser seinen deutsch klingenden Namen Hauchmann ändern. Halkowsky ist von der aktuellen Entwicklung im Stadtteil enttäuscht: "Am Anfang habe ich das positiv beurteilt. Die ersten Lokale, die entstanden sind, die ersten Renovierungsarbeiten, das hat sich alles in die Umgebung eingefügt. Es war zwar nicht wie vor dem Krieg, aber immerhin. Doch jetzt wird es immer schlimmer. Immer mehr Bars, Pubs und Clubs. Jetzt kommt man nach Kazimierz, um sich zu besaufen, so wie in die Altstadt, um Bücher zu kaufen. Die neuen Lokale kümmern sich wenig um den Charakter des Stadtteils. Das einzige Ziel scheint zu sein, viel Geld zu machen."

Der Höhepunkt des Festivals - das Abschlusskonzert auf der Uliza Sheroka. Inzwischen kommen namhafte Künstler aus aller Welt und spielen Klezmer - die Musik aus dem Schtetl, den alten jüdischen Siedlungen in Osteuropa. David Krakauer, der Klarinettist aus New York, schlägt eine Brücke zwischen Klezmer, Jazz und Rock, also von der Tradition zur Moderne. Die Botschaft kommt hier gut an. Vielleicht hat auch das alte jüdische Viertel wieder eine Zukunft.

 
 
 
 
 

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letzte Änderung 01.03.2019